Die Wirbelsäulenchirurgie ist ein breites Handlungsfeld und Schnittstelle verschiedener medizinischer Fachrichtungen wie der Neurochirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie. Anders als die Bezeichnung erst einmal nahe zu legen scheint, umfasst die Wirbelsäulenchirurgie nicht nur die operative Behandlung. In dieser Hinsicht besteht großer Aufklärungsbedarf.

Erfahren Sie hier mehr dazu, was zu den Aufgaben der Wirbelsäulenchirurgie gehört, welche Fachärzte als Wirbelsäulenchirurgen tätig werden und wie sich das Feld entwickelt.

Mit welchen Erkrankungen beschäftigt sich eigentlich ein Wirbelsäulenchirurg?

Generell beschäftigt sich die Wirbelsäulenchirurgie mit verschiedenen degenerativen, tumorösen sowie traumatischen Erkrankungen der gesamten Wirbelsäule. Dies reicht vom klassischen Bandscheibenvorfall über die Spinalkanalstenose (Verengung des Wirbelkanals) bis hin zur Skoliose sowie Tumoren in und außerhalb des Spinalkanals.

Digitales Röntgen Köln

Die Aufgabe des Wirbelsäulenchirurgen ist es zunächst, eine eindeutige Diagnose zu stellen. Dies geschieht aufgrund der Symptome und mithilfe moderner Diagnoseverfahren wie dem MRT, dem digitalen Röntgen der Wirbelsäule oder der Knochendichtemessung.

Von der Diagnose hängt die Therapiemethode ab, die abhängig von der individuellen Ausgangssituation und gemeinsam mit der Patientin oder dem Patienten festgelegt wird. Nur weil der Wirbelsäulenchirurg die Bezeichnung Chirurg trägt, bedeutet dies nicht, dass nicht zunächst konservative Therapien angewandt werden.

Behandlung beim Wirbelsäulenchirurg ohne Operation?

Der Wirbelsäulenchirurg ist also verantwortlich für die Indikationsstellung sowie für die Durchführung der Therapie. Dass auch die konservativen Therapien durchaus zu den Aufgaben eines Wirbelsäulenchirurgen gehören, ist für viele Patientinnen und Patienten zunächst neu. Viele glauben, sobald sie den „Wirbelsäulenchirurgen“ konsultieren, wird als erstes eine Operation an der Wirbelsäule vorgeschlagen.

Ich persönlich versuche, diesem Gedanken etwas entgegenzusetzen. Solange der Befund und der klinische Zustand der Patientin oder des Patienten es erlauben, bevorzuge ich zunächst immer die konservative Behandlung. Hierzu gehören verschiedene Injektionstechniken, teilweise bildwandlergestützt, sowie Kombinationsbehandlungen aus physikalischer Therapie und physikalischen Maßnahmen. Auch die üblichen oralen Schmerzmittel werden bei der konservativen Therapie eingesetzt. Die verschiedenen Therapieansätze werden auch in Kombination angewandt und einige der Behandlungen können unter stationären Bedingungen stattfinden.

Wie verläuft die Ausbildung zum Wirbelsäulenchirurgen?

Die Wirbelsäulenchirurgie ist eine Schnittstelle verschiedener Fachdisziplinen, die sich damit zum Teil befassen. Die Ausbildung zum Wirbelsäulenchirurgen ist auch in Deutschland noch nicht klar definiert.
Die verschiedenen Zertifizierungsoptionen der entsprechenden Fachgesellschaften geben nur einen groben Überblick über die Erfahrung und Ausbildung des jeweiligen Wirbelsäulenchirurgen.

Generell sind es v. a. Chirurgen, Unfallchirurgen, Orthopäden und Neurochirurgen, die sich auf die Wirbelsäulenchirurgie spezialisieren. Die Grundausbildung dieser Ärzte ist jedoch sehr unterschiedlich. So müssen z. B. Neurochirurgen zur Erreichung der Facharztprüfung mindestens 50 Eingriffe an der Lendenwirbelsäule selbstständig durchgeführt haben. Bei den Orthopäden reichen dafür 5 Eingriffe.

Rein historisch betrachtet waren degenerative sowie tumoröse Erkrankungen an der Wirbelsäule eine Domäne des Neurochirurgen. Der Orthopäde oder Unfallchirurg war vorwiegend für Traumata sowie große Rekonstruktionen an der Wirbelsäule (z. B. bei Skoliosen) zuständig. Mittlerweile haben sich die Aufgabenbereiche jedoch etwas vermischt. Die Neurochirurgen werden zunehmend auch bei gröberen Eingriffen (wie etwa langstreckige, komplizierte Fusionseingriffe) und die Orthopäden bei feineren Eingriffen (minimalinvasive Eingriffe) tätig.

Sie sehen, es gibt enorme Unterschiede in den Qualifikationen und Erfahrungen der Fachärzte, die als Wirbelsäulenchirurg tätig sind. Hier ist es dringend nötig, die Materie auch für die Patientinnen und Patienten transparenter zu gestalten.

Fachverbände – Welche Rolle spielen Sie für die Entwicklung der Neurochirurgen für die Wirbelsäule in Deutschland?

In Deutschland wurde die Deutsche Gesellschaft für Wirbelsäulenchirurgie (DGW) bereits im Sommer 1987 in Hamburg gegründet als eine Vereinigung von Chirurgen, Unfallchirurgen, Orthopäden, Neurochirurgen sowie weiteren Personen, die auf dem Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie in der klinischen Forschung tätig waren.

Ihr Zweck war die Weiterentwicklung und Vertiefung der klinischen wissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet der Wirbelsäulenchirurgie. Die Aufgabe der Mitglieder der Gesellschaft war es, durch den Austausch und die Vermittlung eigener Kenntnisse und Erfahrungen, die experimentelle und klinische Forschung auf diesem Gebiet zu fördern.

Wirbelsäulenchirurg NRW

Mittlerweile ist die DGW die größte Fachgesellschaft für Wirbelsäulenchirurgie in Europa. Ihre Rolle bleibt auch in der Zukunft nicht zu unterschätzen. Durch die Entwicklung der Altersstruktur der Gesellschaft gerade in den westlichen Industrienationen, hat die Wirbelsäulenchirurgie in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen.
Hinzu kommen die technischen Innovationen durch die Industrie, die minimalinvasive Zugänge möglich gemacht haben. Wie die Wirbelsäulenchirurgie in diesem Zusammenspiel aus technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ihren besten Dienst erweisen kann, ist optimal in einem Fachverband zu erforschen und zu diskutieren.

Eine weitere wichtige Aufgabe, die nicht nur den Ärzten sondern vor allem auch den Fachverbänden wie der Deutschen Gesellschaft für Wirbelsäulenchirurgie zukommt, ist die Verbesserung der Informationslage auf dem Gebiet. Eine transparente Informationspolitik über die verschiedenen Qualifizierungen und Weiterbildungsmöglichkeiten in der Wirbelsäulenchirurgie können der Patientin oder dem Patienten mehr Sicherheit geben, auch bei der Auswahl Ihrer Ärzte.

Niedergelassener Arzt, orthopädische Klinik, Wirbelsäulenzentrum – wo lasse ich mich an der Wirbelsäule behandeln?

Unsere Gesellschaft wird immer älter. Zusammen mit den technischen Innovationen hat die Wirbelsäulenchirurgie so in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Verschiedene „Wirbelsäulenzentren“ sind aus dem Boden geschossen wie Pilze. Das Spektrum der entsprechenden Einrichtungen reicht von ausschließlich konservativen Behandlungen bis zur ventro-dorsalen langstreckigen Instrumentationen, Skoliose-Eingriffen etc.

Für den Patienten ist es also sehr schwierig, sich hier einen Überblick zu verschaffen.
Auch hier versuchen die jeweiligen Kliniken oder Ärzte mit entsprechenden Zertifizierungen von der Qualität der angebotenen Behandlungen zu überzeugen. Von der ISO-Zertifizierung, verschiedenen Zertifikaten für Chirurgen / Operateure unterschiedlicher Fachgesellschaften bis hin zur Focus-Ärzteliste werden den Patientinnen und Patienten eine Vielzahl von Qualitätsindikatoren gegeben.

Ich persönlich z. B. besitze das „Master-Zertifikat“ für Wirbelsäulenchirurgie, welches von der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft verliehen wird. Das Master-Zertifikat der DWG wird an Wirbelsäulenspezialisten verliehen, die nicht nur außerordentliche chirurgische Fertigkeiten besitzen und das Spektrum der konservativen Therapien beherrschen, sondern auch an regelmäßigen Fortbildungen teilnehmen und in der Ausbildung tätig sind.
Die ORTHOPARC Klinik, in der ich tätig bin, hat das TÜV-Zertifikat für die Akutschmerztherapie und das Hygiene-Qualitätssiegel MRE Region Rhein/Ahr. Hier ist außerdem der Olympia-Stützpunkt Rheinland ansässig und ORTHOPARC ist Partner der Fußballprofis von Bayer Leverkusen 04.

Qualifikation, Sympathie, Erfahrung – Legen Sie Ihre Angst vorm Wirbelsäulenchirurgen ab

Ganz gleich, wie gut der Ruf des Arztes oder der Klinik ist, meist sitzen die Patientinnen und Patienten dennoch verkrampft und ängstlich in der Sprechstunde. Die Angst ist verständlich, denn immerhin handelt es sich bei der Wirbelsäule um die Stütze unseres Körpers.
Persönlich versuche ich daher zunächst, das „Eis zu brechen“, damit die Ängste der Patientinnen und Patienten schwinden und sie sich auf die Informationen zur Erkrankung und zu den möglichen Therapien konzentrieren können.

Letztendlich ist wichtig, dass der Operateur ausreichend Erfahrung auf seinem Gebiet hat, ganz gleich ob er ursprünglich aus der Neurochirurgie, Unfallchirurgie oder Orthopädie kommt. Die Erfahrungen und Expertise des Wirbelsäulenchirurgen sollte dieser mit guten Ergebnissen und Bewertungen nachweisen können.

Die Wirbelsäulenchirurgie im Wandel

Das Feld der Wirbelsäulenchirurgie wächst und ihr Entwicklungspotenzial ist hoch. Aufgrund der filigranen Eingriffe und des sehr spannenden Behandlungsbereiches, ist die Wirbelsäulenchirurgie seit jeher ein sehr spezielles Gebiet.

In Deutschland wurde in den letzten Jahren darüber diskutiert, ein einheitliches Ausbildungsmuster für angehende Wirbelsäulenchirurgen einzuführen. Sicherlich würde es dies den Patientinnen und Patienten erleichtern, sich über die Qualifikation des Arztes Klarheit zu verschaffen. Wir gehen also davon aus, dass es in den nächsten Jahren einen „Facharzt für Wirbelsäulenchirurgie“ geben wird und halten Sie auf dem Laufenden.

Vielen Dank fürs Lesen.

Dr. med. Charilaos Christopoulos
Chefarzt für Wirbelsäulenchirurgie, OTHOPARC Klinik GmbH, Köln

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